
Verrückte Welt: Minuszinsen und Negativpreise
Die Welt spielt verrückt. Immer häufiger trifft man auf negative Preise. Ende Februar geht beispielsweise folgende Meldung durch die Presse: Wer bei Check24 einen Kredit von 1.000 Euro aufnimmt, muss nach zwölf Monaten nur 972,49 Euro zurückzahlen. Das entspricht einem Minuszins von 2,7 Prozent. Das Vergleichsportal Smava verleiht 1.000 Euro für drei Jahre und verlangt nur 923 Euro zurück. In den letzten Jahren gibt es an der Strombörse in Leipzig an rund 30 Tagen negative Preise. Das heißt, der Abnehmer von Strom wird vom Stromerzeuger bezahlt. In Kanada werden im Gasmarkt negative Preise gezahlt. Der chinesische Fahrradverleiher Mobike bezahlt seine Kunden für die Nutzung der Fahrräder. Paypal schrieb neuen Kunden 20 Dollar gut. Die Commerzbank schreibt bei Neueröffnung eines Kontos 50 Euro gut. Ähnlich hält es ein Unternehmen, das Telekommunikationsgeräte und -dienstleistungen vertreibt. Es bezahlt seine neuen Kunden.
Wie kann das sein? Was erklärt dieses neuartige Phänomen der negativen Preise? Nach herkömmlicher Denkweise sind solche Angebote wirtschaftlich unvernünftig. Doch bei tieferer Betrachtung können sie durchaus Sinn machen. Es gibt sogar eine Vielzahl von Gründen, warum sich negative Preise, wenn auch nicht kurzfristig, so doch mittel- und langfristig lohnen können.
Der wichtigste allgemeine Grund liegt in dem neuartigen Phänomen der Grenzkosten von Null. Grenzkosten sind die Kosten, die für einen zusätzlichen Nutzer entstehen. In der traditionellen Welt waren die Grenzkosten in aller Regel größer als Null, sodass Preise von Null eher selten und solche von unter Null praktisch nie vorkamen. Das Internet, aber auch andere neue Technologien, ändern diese Gegebenheit fundamental. Wie Jeremy Rifkin in seinem Beststeller „Die Nullgrenzkosten-Gesellschaft“ plakativ und ausführlich darstellt, sinken die Grenzkosten einer zusätzlichen Produkteinheit in immer mehr Bereichen auf Null oder zumindest nahe an Null. Das bedeutet, dass Preise von Null keine und solche unter Null nur geringe Verluste erzeugen. Doch diese Wirkungen gehen noch weiter. Bei einer Solaranlage sind die Grenzkosten der Stromerzeugung nicht nur Null, sondern der produzierte Strom muss abgenommen werden. Das lässt sich für den Anbieter unter Umständen nur erreichen, wenn er den Abnehmer zusätzlich zum gelieferten Produkt mit einer Zahlung incentiviert. Bei negativen Preisen bezahlt der Verkäufer also den Kunden, damit dieser ihm das Produkt abnimmt.
Wenn eine Bank ihren Kunden negative Zinsen zahlt, kann sie Kreditnehmern ebenfalls negative Zinsen anbieten und trotzdem eine positive Gewinnspanne erzielen. Wichtiger ist aber im Fall der Minuszinsen der Wert der Daten. Um an die Minuskredite zu kommen, muss der Kunde nämlich einen umfangreichen Fragebogen ausfüllen. Zudem werden nur Kunden mit guter Bonität bedient. Wenn also Check24 27 Euro in einen Kunden investiert, so kann das eine sehr effiziente Methode sein, an wertvolle Daten zu kommen, die man anschließend für ein Mehrfaches weiterverkauft. Im Falle des Fahrradverleihers erklären Werbeeinnahmen den Negativpreis. Je mehr Kunden das Unternehmen mit Hilfe des Negativpreises anzieht, desto mehr nimmt es mit Werbung ein. Und es ist dann ein einfaches Kalkül, ob sich der negative Preis rechnet. Die Angebote von Paypal und Commerzbank können ebenfalls Sinn machen. Um einen neuen Kunden zu gewinnen, werden erhebliche Beträge investiert, die sogenannten „Customer Acquisition Costs“. Normalerweise fließt dieses Geld in Werbung, Verkaufsförderung oder Incentives für Verkäufer. Es kann aber effektiver sein, das Geld in Form negativer Preise direkt an den Neukunden zu geben. Budgets werden verstärkt in dieser Richtung umgeschichtet. Grundlage dafür ist das vertiefte Wissen zum Kundenverhalten, das sich aus Big Data ableiten lässt.
Aufgrund der genannten Bedingungen werden wir in Zukunft immer häufiger negative Preise sehen. Das ist keineswegs eine verrückte Welt, sondern eine Folge der neuartigen Bedingungen, die das Internet, Grenzkosten von Null, Verwertung von Daten, innovative Werbemöglichkeiten und bessere Messbarkeit von Marketingmaßnahmen eröffnen.
